Sonja Tschöpe - Tiersenior sucht Zuhause

Du wirst bei einem Besuch im Tierheim auf das ein oder andere Tier stoßen, bei dem du innehalten wirst. Vielleicht weil das Tier so atemberaubend schön ist. Vielleicht weil seine Geschichte dich berührt. Möglicherweise ist es aber auch das Alter der Fellnase. Denn nicht selten kommt es vor, dass ein Tier in hohem Alter sein Kuschelkörbchen verliert und erstmal ins Tierheim zieht.

Mich erschaudert es bei dem Gedanken. Vermutlich, weil ich mich immer in das Tier hineinversetze und mich in diesem Fall frage: Wie würde ich es denn finden, wenn mich meine Familie am Ende meines Lebens mehr oder weniger vor die Tür setzt. Eventuell weil sie nicht die Zeit hat, mich zu pflegen. Weil sich gewisse Lebensumstände verändert haben. Oder weil ich vielleicht senil und krank bin. Die Gründe für eine Tierabgabe sind vielfältig.

In der einen Suchanzeige steht möglicherweise, dass Frauchen oder Herrchen verstorben sind. Niemand ist da, der genug Zeit und Tierliebe mitbringt, sich um Hund oder Katz, Kaninchen oder Wellensittich zu kümmern. Nicht jeder der ein älteres Tier im Tierheim abgibt, tut das aus freien Stücken. Manchmal kann man die Gründe nachvollziehen. Manchmal auch nicht. Und wenn man es selbst schon nicht verstehen kann, dass nach 16 gemeinsamen Jahren ein Tier im Tierheim landet, wie soll es dann das Tier verstehen? Und hier kommt die Geschichte meiner Katze Mischu.

MISCHU MUSS RAUS

Mischus Transportbox wurde 2016 in einem Tierheim abgegeben mit den Worten, sie wäre eine Freigängerkatze. Doch bedingt durch einen Umzug mit Wohnungswechsel könne sie nun keine Freigängerin mehr sein und daher müsse sie weg. Verhandlungen durch das Tierheimpersonal schlugen fehl. Man ließ Mischu zurück und trennte sich (und das nach 16 Jahren des Zusammenlebens) erstaunlich emotionslos. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste ein Tier abgeben, das mir 16 Jahre ans Herz gewachsen ist, es schnürt mir die Kehle zu.

Da saß sie also nun, die schöne Siam-Mix Dame höheren Alters und verstand in der Quarantänebox die Welt nicht mehr. Und wie es sich für einen Siam gehört, machte sie ihren Protest lautstark deutlich. Es hörte sie nur niemand.

Nach dem Umzug ins Katzenhaus hofften alle auf Mischus große Chance gesehen zu werden. Denn diese bildschöne Dame mit den eisblauen Augen fiel auf. Zu dumm nur, dass sie sich die meiste Zeit des Tages verkroch. Die anderen Katzen waren ihr suspekt. Sie schien eine Einzelkatze gewesen zu sein. Sie wollte ihre Ruhe, hatte einen ganz anderen Rhythmus als die anderen Katzen.

Es kam wie es kommen musste: Eines Tages erschien sie nicht zum Fressen. Weder morgens noch abends. Beherzt schritt man ein, entnahm sie dem Katzenzimmer und brachte sie zu einem Einzelplatz. Hier war sie zwar wieder für sich und doch weit davon entfernt neuen Lebensmut zu finden. Mischu gab sich auf.

ICH MAG NICHT MEHR!

Ein Punkt, den viele Tierheimtiere erreichen. Manche früher, andere später. Und das obwohl engagierte Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer sehr viel Zeit und Liebe aufwenden, das es den Pfleglingen möglichst gut geht. Aber ein Tierheim ist eben nicht das Zuhause, das Mischu und die anderen Tiere verloren haben und welches sie sich zurückwünschen. Wobei es – und das möchte ich an dieser Stelle durchaus ergänzen – ausgesprochen tolle Tierheime gibt, bei denen man am liebsten selbst als Mensch einziehen möchte.

Als ich im Jahr 2016 den Aufruf im Social Media las, dass sich eine 16jährige, gesundheitlich nicht ganz fitte Katze (Diagnose chronische Niereninsuffizienz und Altersherz) im Tierheim aufgibt, war das einer der Fälle, die ich zuhauf kenne. Ich zitiere: „Alt und krank, nein sowas zieht nicht ein.“ Ich kann mich noch zu gut an Kommentare erinnern, die ich erntete, als ich ein damals 8-jähriges Kaninchen aufnahm: „Bist du deppert? Der stirbt doch eh bald.“ Linus blieb 3 Jahre! Er erreichte ein für Kaninchen durchaus methusalemmäßiges Alter. Und Mischu mit ihren 16 Jahren hat auch kein Etikett im Fell, auf der eine festgelegte maximale Lebensdauer notiert ist. Natürlich können Tiersenioren zeitlich sehr früh, kurz nach dem Umzug ins neue Zuhause versterben. Allerdings wissen wir das genauso wenig, wie die Zeit, die uns auf Erden noch bleibt.

Mein Mann und ich berieten uns kurz. Für ihn wäre es Katze Nummer 3, für mich das erste Zusammenleben mit einem Schnurrgenerator. War ich doch bislang eher die Kaninchentante, die auf fast 20 Jahre Kaninchenzusammenleben zurückblicken kann. Wenige Tage später fuhren wir zum Tierheim. Mit der Leitung hatte ich zuvor einen Besuchstermin vereinbart, bei dem unsere damals 2jährige Tochter dabei sein sollte. Denn wenn sich Mischu uns als neue Familie aussucht, dann inklusive unserer Emma. Unsere Begegnung war lang und wir hatten das Gefühl, dass Mischu sich wohl fühlte. Sie lag in ihrem Einzelgehege und ließ sich von uns dankbar streicheln.

KRANK UND ALT – NA UND!

„Mischu braucht täglich Medikamente und muss aufgrund der Herzerkrankung regelmäßig zum Kardiologen.“ Und dann noch 16 Jahre alt, ergänzte ich innerlich süffisant. Bestimmt sind das die perfekten K.O.-Kriterien für eine erfolgreiche Vermittlung. Doch da lag diese Seele von Katze, die meine Tochter neugierig betrachtete, ohne die Spur von Angst. Mischu durfte dort nicht bleiben. Also fragte ich sie, als wir für einen Moment alleine waren, ob sie sich vorstellen konnte zu uns zu ziehen. Ich glaube, sie hat damals zugestimmt.

Sie zog ein und bereicherte fast 4,5 Jahre unser Zuhause, ehe sie im August 2020 friedlich fürimmer die Augen schloss und selbstbestimmt einschlief. Obwohl Katzen eine ausgeprägte Neophobie haben, Neues oft ablehnen, testete Mischu alles mit einer solchen Ruhe und einem Vertrauen. Sie ar die unkomplizierteste Futtervernichterin, die ich kenne. Und das obwohl wir ihre Ernährung direkt mit ihrem Einzug von minderwertig auf hochwertige Dose und später auf BARF umgestellt haben. Mischu machte ohne mit der Wimper zu zucken mit. Sie war die mutigste Empfangsdame jeglichen Besuchs, die einfach liegen bleibt wo sie gerade war, egal wie nahe man ihr auf die Pelle rückt. Sie schräpte gerne gegen 5 Uhr früh eine Katzenarie par excellence, um mich zu ermuntern sie vor dem Hungertod zu bewahren. Mischu spielte sehr gerne, erkundete mit Vorliebe den abgesicherten Garten und genoss die Sommersonnenstrahlen auf dem Balkon. Sie schlief viel, forderte aber auch ihre Kuscheleinheiten ein. Ich würde behaupten, sie war der Traum von Katze, ein wahrer Glücksgriff. Als sie einzog, kannten wir ihr Alter und waren uns bewusst, es könnte ein kurzes Zusammenleben sein. 4,5 Jahre mit der Diagnose, die sie hatte, sind jedoch eine wundervolle Zeit und für jeden einzelnen Moment mit ihr sind wir unglaublich dankbar. Sie fehlt uns jedoch sehr – sie war halt einfach eine besondere Persönlichkeit. Und doch würde ich es jederzeit wieder tun: Ein altes Tier aufnehmen und ihm ein Zuhause bis zum Abschied schenken.

TIERSENIOREN – TIERE MIT GESCHICHTE

Für mich sind diese Tiere mit Geschichte etwas ganz Wunderbares. Sie bringen nicht nur ihre Vergangenheit mit. Sie können sich mit etwas Geduld und Gespür auch wieder öffnen und lassen Tag für Tag den neuen Menschen in ihr Herz. Und viele dieser älteren Herrschaften haben zudem entgegen jeglicher Vermutungen keine Zipperlein. Sie haben nur eines: Eine vielleicht übersichtlichere Zeit, die ihnen bei ihrer Familie noch bleibt. Doch auch wenn schon. Es gibt immer vielfältige Schicksalsschläge, bei denen durchaus junge Tiere sehr früh ihr Leben lassen müssen. Mischus wahre Geschichte steht stellvertretend für all die alten Seelen, die im Tierheim oder in einer Pflegestelle sitzen. Ganz gleich ob als Katze, Hund, Kaninchen, Meerschweinchen oder sonst eine Tierart.

Alter ist keine Krankheit. Sie ist lediglich ein Zeichen, dass das Leben eben gewisse Spuren mit sich bringt. Dass Leben nun mal den Charakter formt und jede Geschichte zwei Seiten hat. Im besten Fall natürlich eine unglaublich schöne. Manchmal jedoch auch eine mit Tiefgang, die man als Mensch auch erstmal verkraften muss. In jedem Fall haben diese Tiere es jedoch absolut verdient, dass man ihnen genauso viel Aufmerksamkeit schenkt, wie den zutraulichen Youngsters, die sich meist durch ihr niedliches Aussehen besser „verkaufen“. Der Welpen-/Kittenfaktor ist halt nun mal ein optimales Marketinginstrument.

Und dank Tierarzt oder Tierheilpraktiker oder Tierphysiotherapeut gibt es zudem eine wunderbare Begleitung für die „grauen Schnauzen“, um die Lebenszeit noch einmal deutlich zu verlängern. Ich würde mir wünschen, dass dir Mischu Mut macht beim nächsten Besuch im Tierheim vielleicht einmal einen Blick zu den Oldies zu riskieren und möglicherweise dort dein Herz zu verlieren.

Du merkst, mir liegen Tiere aus dem Tierschutz besonders am Herzen. Deshalb gibt es auch etwas für die Ohren in der folgenden Episode meiner Tiersprechstunde. Viel Freude beim Anhören:

Alles Liebe für dich und dein Tier!

So gehts

PS.

Wenn du dich angesprochen fühlst und diesen Beitrag gerne teilen möchten, ist das ausdrücklich erwünscht, jedoch bitte nur durch Verlinkung hierher. Herzlichen Dank!

PPS.

Ich duze meine Leser und hoffe, dass ist für dich / Sie in Ordnung. Im persönlichen Gespräch können wir uns natürlich siezen.

HINWEIS

Ich muss darauf hinweisen, dass es sich gemäß § 3 des Heilmittelwerbegesetz (HWG) bei den hier vorgestellten Behandlungsmethoden um Verfahren der alternativen Medizin/Therapie handelt. Diese sind wissenschaftlich nicht anerkannt. Die von mir gegebenen Informationen zur Behandlung sind keine Garantie und weder als Heil- noch als Linderungsversprechen zu sehen.

Sonja Tschöpe - TIERHEILPRAKTIKERIN | TIERERNÄHRUNGSBERATERIN

DIE AUTORIN

Sonja Tschöpe ist ausgebildete Tierheilpraktikerin & Ernährungsberaterin für Hunde, Katzen und Kaninchen. Ihrer Berufung geht sie von ganzem Herzen seit über 10 Jahren nach. Sie ist Minimalistin – ihre Patienten bekommen lediglich das verordnet, was wirklich notwendig ist. Und nur nach einer umfassenden Anamnese, bei der sie die enge Zusammenarbeit mit Tierhalter und Tierarzt sehr schätzt. Sie ist ganz offen: Wenn sie keinen Rat weiß oder die falsche Ansprechpartnerin ist, sagt sie das. Mit ihrer Familie und Hund Pipo lebt sie in einem Mehrgenerationenhaus bei Düsseldorf. Im Herzen trägt sie ihre am 20.08.20 verstorbene Katze Mischu sowie 15 unvergessene Kaninchen.

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